Die Landstraßengeschichte
(Wohnen wir bei Oma oder wohnt Oma bei uns? Darüber 
muss sich Papa immer streiten. Sogar Heiligabend. Und 
dann wurde er sehr wütend)

Dass sie Weihnachten im Auto verbringen mussten, hatte 
ihnen Papa eingebrockt. Er wird machmal sehr wütend und 
macht dann unmögliche Sachen. Später tut es ihm leid, 
denn eigentlich ist er gut und friedlich. Dieses Mal war 
er wütend über Oma. Papa und Mama sind zu ihr in das 
Haus gezogen, damit sie nicht allein wohnt. Inzwischen 
sagen Papa und Mama: "Oma wohnt bei uns." Aber Oma 
sagt immer noch: "Ihr wohnt bei mir!" Warum mußte Oma
aber ausgerechnet am Weihnachtsvormittag wieder damit 
anfangen? Papa stand im Wohnzimmer auf der Leiter und 
schmückte den Baum, als Oma hereinkam und fragte: 
"Warum steht der Baum hinter der Tür?" "Wo sollte er 
denn sonst stehen?" entgegnete Papa. "Bei mir pflegte 
er links vom Fenster zu stehen", sagte Oma. "Und jetzt 
steht er hinter der Tür", gab Papa von der Leiter herab 
zurück. "Solange ihr bei mir wohnt, solltet ihr auf mich 
hören", erwiderte Oma. Dann gerieten sie in Streit. 
Sie sagten dies und das, und als Mama aus der Küche 
kam, um sich einzumischen, redeten alle durcheinander.
Papa war sehr wütend. Er riss den Schmuck wieder vom 
Baum und warf ihn in die Kartons zurück. "Was tust du?" 
rief Mama. " Pack die Geschenke, Süßigkeiten, Betten 
und Zahnbürsten ein. Wir feiern Weihnachten woanders. 
Irgendwo werden wir willkommen sein und unseren Baum 
da aufstellen dürfen, wo wir es wollen." Er nahm den 
Baum, rannte nach draußen und schnallte ihn auf das 
Autodach. Auf dem Hof spielte Nickel mit seinem Freund.
"Was machst Du?", fragte er Papa. "Wir verreisen. Und 
weil wir unterwegs Weihnachten feiern werden, brauchen 
wir unseren Baum!" ,rief Papa und war schon wieder im 
Haus. "Toll", sagte Nickels Freund. Und Nickel war sehr 
stolz auf Papa. Oma lief hinter Papa her und jammerte: 
"So war es doch nicht gemeint!" Aber er schob sie bloß 
beiseite. Mama rief: "Ist das wirklich dein Ernst?" Aber 
Papa hatte schon die Betten verstaut. Da kramte Mama 
alle Geschenke zusammen und packte Wäsche und Kleidung 
ein. 
Sie holte die Kuchen und Oma brachte eine Thermosflasche 
mit Tee. Dann zog Mama den Maxel an und setzte ihn auf 
seinen Sitz im Auto. Nickel gab Oma einen Kuss, winkte, 
und schon ging die Fahrt los.Papa war immer noch wütend 
und fuhr sehr schnell. Er drehte das Lenkrad, dass ihre 
Köpfe hin und her flogen. Er bremste, dass alle nach vorn 
kippten. Er hupte, wenn ihm andere Autos keinen Platz 
machten. Das gefiel Nickel, und der Maxel kreischte vor 
Vergnügen.Aber Mama sagte: "Bitte fahr vorsichtig, oder 
ich steige aus." Da wurde Papa ruhiger. Etwas später 
fragte Mama: "Wohin fahren wir eigentlich?" Papa 
antwortete: "Zu meiner Tante Luise. Du wirst sehen, 
dass es uns dort besser geht als bei deiner Mutter." Es 
war Mama peinlich, einfach so zu Tante Luise zu fahren. 
Immerhin waren sie vier Personen, es war Weihnachten, 
und Tante Luise hatte keine Ahnung, dass sie kamen. 
Jedoch mit Papa war nicht zu reden. Nach einer Stunde 
erreichten sie die Stadt, in der Tante Luise wohnte. Sie 
fuhren vor das Haus, und Papa stieg aus, um zu klingeln. 
Aber es machte niemand auf. Im Nebenhaus rief eine 
Frau aus dem Fenster: "Da ist niemand zu Hause." Sie 
erzählte, dass Tante Luise verreist sei. "Schon gut", 
sagte Papa, "besten Dank und ein frohes Fest". Er 
startete wieder. Papa war sehr schweigsam. Mama ließ 
ihn bei jedem Gasthaus halten und nach Zimmern fragen. 
Doch sie hatten kein Glück. Entweder war geschlossen 
oder alles war belegt. Nickel fragte, wann endlich die 
Bescherung sei. Er wollte seine Geschenke haben. "Wenn 
wir da sind", sagte Mama. "Wann sind wir da?", fragte 
Nickel. Mama sagte zu Papa: "Bitte lass uns umkehren." 
Und wirklich, Papa drehte um. Es war dunkel. Maxel 
schlief. Mama und Nickel sangen Weihnachtslieder. 
Dann schlief Nickel auch.

Als sie zu Hause ankamen, brannte nirgends mehr Licht.
Mama trug den Maxel ins Bett, und Papa schleppte Nickel. 
Am anderen Morgen holte Papa den Baum vom Autodach, 
stellte ihn ins Wohnzimmer hinter die Tür und fing an, 
ihn zu schmücken. Als er halb fertig war, nahm er ihn 
und stellte ihn links vom Fenster auf. Mama trug Maxel 
ins Zimmer und Nickel sprang hinterher. Papa zündete 
die Kerzen an. 
"Jetzt feiern wir Weihnachten!", rief Nickel. Aber Papa 
sagte: "Wartet." Er holte Oma. Er drückte sie an sich 
und gab ihr einen Kuss und rief: "Frohe Weihnachten!" 
Papa ist meist der friedlichste und beste Mensch. "Was 
bin ich froh, dass ihr wieder da seid!" sagte Oma. 
"Ich wohne so gern bei euch. Aber ist es nicht wirklich
besser, wenn der Baum links vom Fenster steht, statt 
hinter der Tür?" "Oma!" rief Mama. Aber Papa lachte.

(Aus: "Wirklich wahre Weihnachtsgeschichten" von M. Rettich)